Wurzen – Crostigall Nr. 14 – Gelände einer alten Gutsanlage mit barockem, klassizistisch überformten attraktiven Wohn-/ Geschäftshaus (Ringelnatz-Geburtshaus).
In Urkunden bezeichnet als

  • Frey-Hauß ofm Crostigall
  • Marschall’sches Vorwerk
  • Märker’sches Vorwerk
  • Mehnerts Gut
  • Schumann’s Gut

Als markante Gutsanlage über Jahrhunderte erhalten und bewirtschaftet.
 
Grundstücksgrenzen:

  • im Osten: Bebauung Wenceslaigasse
  • im Süden: Straßenfront Nordseite Crostigall
  • im Westen: Ursprünglich gemeinsame mit dem Gaudlitz’schen Freigut (ab 1696 bis 1806
  • Postgut "kursächsische Posthalterei)
Genaue aktenkundliche Nachweise befinden sich in den Staatsarchiven Leipzig und Dresden, im Bauarchiv der Stadt Wurzen, erste Nachweise im Lehnbuch des Bischofs Johann von Salhausen im Stiftsarchiv Wurzen.

1511
wird ein Bürger Hans Voigt mit der „wüsten Hofestadt offem Crostigall des dritten Hauses vom Sant Wencelsthore gelegeeAufbau belehnt. Dafür bezahlt der Belehnte 10 Groschen Jahreszins, braucht aber nicht die früher darauf lastende „hofe erbt“ zu leisten. (Lehnbuch Salhausen Band II)
            
1554  
Herr Christoph Lotter, Erbbürger und Freihausbesitzer „hat ein Frey-Hauß, Scheune  und Garten gegenüber der Rose (= später Ausspanne und Gasthof zur Rose) vor dem Wencels-Thore gelegen. Lehnet und Zinset dem Capitul (= dem Kollegiatstift  bzw. Wurzener Domkapitel), ist dem Ambt (= dem bischöflichen Amt Wurzen, nicht  der Stadt!) mit seiner Dienstbarkeit verpflichte … des Wein- und Bierschanks wird aber dabei in Spezie nicht gedacht …“ (Erbbuch 1554)
  
1606 
wird ein „Schneider Namens Krüger“ als Besitzer des Freihauses genannt. Dieser verkauft ohne genau bekanntes Verkaufsdatum an den „Schneider und Bürger Reinharden“, und dieser verkauft
 
1634  
an Gabriel Hollender, „königl Major zu Sachsen, wohlbestallter Capitain im Amt“. Nach dessen Tod erst seine Frau Catharina den Besitz. Sie heiratet wenig später Capitain Christian Köhler. Das Ehepaar ist aber nicht in der Lage, das Gut, durch den 30järigen Krieg stark ruiniert, zu bewirtschaften. Sie verkaufen
 
1659   
an den Bürger Nicolaus Günther (15. November)
Nur drei Jahre bleibt das Anwesen im Besitz der Familie Günther. Nach Günthers Tod verkauft Witwe Dorothee Günther das Freihaus mit Scheunen und allem Zubehör
 
1662   
an Christoph Daniel Schreiter, der „Heiligen Schrift Doktor und Superintendent“ in Wurzen (7. Oktober).
 
1667   
verkauft Superintendent Schreiter an einen „Wurzel- und Kräutermann“ Einwohner Andreas Schneider (10. Juli). Es kommt zum Streit zwischen dem Besitzer „des sogenannten Köhlerschen Freyhaußes“ und dem Rat „wegen differention zwecks Weinausschanks“. Auch die Besitzer der Gasthöfe der Stadt streiten mit Schneider. Dazu kommen noch Zahlungsschwierigkeiten (Abgaben, Zinsen) gegenüber dem Domkapitel und dem Rat. Hochverschuldet verkauft Schneider den gesamten Besitz„… in seinen Rainen und Steinen, mit allen Freyheiten und Beschwerungen …“ wie  der an den Stiftssuperintendenten Christoph Daniel Schreiter.
 
1675   
Der Kaufvertrag wird konfirmiert (20. August). Das Freihaus bleibt 1718 im Besitz der Familie Schreiter.
 
1718   
Dr. David Schreiter verkauft den Besitz an den Schön- und Schwarzfärber, „den vornehmen Bürger von Wurzen“ Carl Jacob Marschall (ab 1765 Stiftsrat). Marschall vergrößert durch Zukäufe den Landbesitz. Das Wohnhaus am Crostigall erhält seine jetzige Größe und barocken Details. Auch weitere Stallgebäude, ein Pächterwohnhaus und die Scheune am Rondell (heute Kreuzung Dresdener Straße/Beethovenstraße) werden errichtet.
 
1769  
Lehnschein und Zuschreibung der Marschall’schen Kinder über das Haus und das gesamte Zubehör samt „Beyrischen Garten“. Bei der Erbauseinanderssetzung kommt es zur Teilung der Feldflur und zum Verkauf 
von 31 Flurstücken in der Größe zwischen 0,25 und 4 Acker. Der Sohn des Stiftsrates Johann Christoph Marschall übernimmt das „Vorwerk“.
 
1791 
verstirbt der Stiftsrat Carl Jacob Marschall. Seine Witwe, Stiftsrätin Johanna Christiane geb. Eckhardt verpachtet das Gut an den Rittergutspächter von Schmölen, Gottfried Simmel. Bis 1794 bleibt es im Besitz der Erben von Carl Jacob Marschall.
 
1794 
verkauft die verw. Stiftsrätin den gesamten Besitz an Gebäuden und Land, Vieh und Getreidevorräten an den kurfürstl.Sächsischen Stiftsrat und Oberhof-Gerichts-Assessors Gotthelf Friedrich von Schindler. Gottfried Simmel bleibt weiterhin Pächter.
 
1801 
G. F. von Schindler verkauft an Johann Friedrich Küttner (Mitbesitzer der Mühle). (25. Juli)
            
1808 
ist Christina Magdalena verw. Küttner die Ehefrau des verstorbenen Johann Friedrich Küttner, als Besitzerin des Vorwerks eingetragen (9. Juli). Wenig später heiratet sie den aus Borna stammenden Oberpostamtsschreiber Johann Gottfried Pflocksch.
 
1813 
stirbt Christina Magdalena Pflocksch verw. gew. Küttner. Gottfried Pflocksch erbt den gesamten Besitz (4. September).

1815 
verkauft Pflocksch, jetzt königl. Sächs. Postmeister in Borna die Hälfte des Vorwerks    an Carl Gottlob Lorenz (6. Juni).
 
1820 
verkauft Pflocks auch die zweite Hälfte an Lorenz (8. August).
 
1828 
kauft Pflocksch „… das in der Wurzener Vorstadt auf dem Crostigall No. 1 gelegene Vorwerk – mit allen Rechten, Nutzungen und Beschwerungen, allem Inventar wie es steht und liegt … in seinen Rainen und Steinen …“ zurück (16. Juni).
Das Gut wird verpachtet, leidet aber erheblich, da Pflocksch als Posttmeister von Borna nicht die Zeit findet, sich um das Vorwerk in Wurzen zu kümmern. So kommt es wieder zum Verkauf.
 
1830 
ist als Besitzerin eingetragen Johanna Wilhelmina Märker geb Küttner, Ehefrau des  Rittergutsbesitzers von Nischwitz
(12. März).
 
1835 
verkauft Frau Märker, die den Besitz durch Zukauf von Wiesen und Feld vergrößerte,  an den Königl. Sächs. Hauptmann der Armee und Postmeister zu Wurzen Christian Friedrich Gottlieb von Petrikowski (17. August).
 
1839-1843
entsteht die moderne Stadtgemeinde Wurzen. Dabei erlöschen alte Vorrechte und rechtliche Bindungen. Der Crostigall wie auch die Gaudlitz, der Steinhof, die Mühle und die Domfreiheit werden juristisch, fiskalisch und administrativ vollwertige Bestandteile der Stadt Wurzen. Der Grundstücksverkehr wird ausschließlich im Grundbuch der Stadt dokumentiert.

Ab 1841
nach Abtrennung des so genannten „Thorgartens“ vom ehemaligen Postgut verläuft die Grenze zwischen Crostigall Nr. 14 und Nr. 16 in gerader Linie nordwärts bis zur Bebauung Färbergasse
im Norden:   Bebauung Färbergasse bzw. Postgasse („Gaudlitz“).
 
1848 
verkauft die Witwe von Petrikowsky, Karoline geb Weselowski, den gesamten Besitz  an Gebäuden, Feldflur, Wiesen, Gärten, Fischhältern für 25 000 Taler an den Ökonomen Adolph Morgenstern, den Pächter des „Roten Vorwerks“ bei Grimma. Dieser verkauft schon zwei Jahre später zum gleichen Kaufpreis
 
1850 
an den Rittergutsbesitzer von Müglenz Karl Franz Müller.
 
1863 
ist als Besitzer George Müller eingetragen (18. August). Er verkauft
 
1870 
an den Ökonomen Luis Herman Mehnert (7. Januar).
 Mehnert baut Stall und Scheune neu. Am Ostgiebel des Wohnhauses entsteht ein Anbau (“Schlafzimmer für Frau Mehnert“).
 
1875 
wird die erste Etage, bis auf ein großes „Saalzimmer“, an die Familie Georg Böttiger vermietet, einen in Fachkreisen geachteten und geschätzten Musterzeichner und Herausgeber mehrerer Fachbücher. Im Zimmer über dem Hauseingang wird am 7. August 1883 als drittes Kind der Familie Hans Böttiger – der spätere Dichter Joachim Ringelnatz – geboren.
 
1915 
geht das Gut an Mehnerts Tochter und deren Ehemann über. Als Eigentümer ist der Landwirt Walter Max Schumann  eingetragen (29. Oktober).
 
1921 
vergrößert Schumann durch Zukauf von Feldflur den Gutsbetrieb.
 
1943 
kommt es zu Zwangsverkäufen entlang der Bahnlinie (Richtung Nemt) für kriegswichtige Ansiedlung von Industriebetrieben.  Im Wohnhaus am Crostigall wurde im Erdgeschoss ein Schauamt eingerichtet.
 
1944 
endet durch den Verlust der Feldflur die landwirtschaftliche Nutzung des Anwesens und damit die Geschichte des Stadtgutes. Die Immobilie geht in städtischen Besitz über. Das Ober- und Dachgeschoss werden weiterhin als Wohnungen genutzt.
 
1945 
Am Geburtshaus von Joachim Ringelnatz wird eine hölzerne Erinnerungstafel angebracht.
 
1948 
Im Erdgeschoss begründet der Ingenieur Dietrich Hoffmann die Hoffman & Co GmbH, die heutige weltweit agierende Hoffmann Fördertechnik GmbH.
 
1983 
Nach umfänglicher Sanierung wird Crostigall 14 künfig als „Ringelnatzhaus“ genutzt. Im Erdgeschoss befinden sich das Ringelnatzmuseum, im Obergeschoss die Räume des „Clubs der Intelligenz Joachim Ringelnatz“ und im Dachgeschoss das Kreissekretariats des Kulturbundes der DDR und die Redaktion der Heimatzeitschrift. Der Rundblick. Für diese Umnutzung des Gebäudes sind gravierende Eingriffe in die Raumstruktu des Obergeschosses erfolgt. Der Gutsbereich ist bereits durch fortlaufende Abrisse von fast allen früheren Wirtschaftsgebäuden befreit.
 
Nach 1990
Kostengründe erzwangen 1994 die Schließung der Ringelnatzausstellung im Crostigall 14 und die Eingliederung der Präsentation in das Kulturgeschichtliche Museum in der Domgasse.
Mit der Auflösung des Kulturbundes einher ging auch die Aufgabe der Räume im Obergeschoss für kulturelle Veranstaltungen.
Kurzzeitig wurde der Clubraum im Obergeschoss durch das Standesamt der Stadt genutzt.
Im Dachgeschoss wurden die Räume noch einige Zeit weiterhin durch eine Zeitungsredaktion belegt. Dieses Areal nutzt z.Z. der Stadtchronist für seine Arbeit.
Verschiedene Bildungseinrichtungen haben in der unmittelbaren Vergangenheit ebenfalls den Clubraum für geförderte Maßnahmen in Anspruch genommen.

Diese Chronik wurde zusammengestellt und erarbeitet von:
Wolfgang Ebert + Dr. Sabine Jung